Wales - Deutschland

Ein spielfreies Bundesliga-Wochenende stand an und ich hatte dieses schon vor über einem halben Jahr, mit einer Fahrt zur EM-Qualfikation zwischen Wales und Deutschland verplant. Die Anregung hier kam von meinen beiden Freunden Jörg und HP, mit denen ich meine Aachen-Sympathie teile. Thomas war leider verhindert, dafür war aber Axel, der Gerüchten zu Folge Fan eines Vereines ist, der ein Nutztier im Vereinswappen beherbergt, als vierter Mann dabei.
Die in Relation zeit- und kostengünstigste Reiseart wurde mit einem Flug von Charleroi nach Stansted und einer Weiterfahrt mit der Bahn bis Cardiff gefunden. So holte mich HP um 5.30 am Samstagmorgen ab, die restliche Besatzung sass da bereits im Auto. Auf einer leeren Autobahn ging es zügig Richtung Startflughafen, der laut Ryanairs Plakatierung in Brüssel liegen soll, aber eigentlich im kleinen regionalen Ambiente unweit von Charleroi beheimatet ist. Nach dem Einchecken wurde mit einer ersten Runde belgischem Bier (Maes) der Startschuss ins Länderspielwochenende gesetzt. Überpünktlich landete die irische Boeing auf der britischen Insel. Aufgrund der angenommenen Zugbindung unserer gebuchten Weiterreise wurde im größten Billigflughafen Europas durch das Verzehren eines traditionellen englischen Frühstücks erster Kontakt mit den Gepflogenheiten der Einheimischen hergestellt. Auf der Suche nach einer Örtlichkeit für den geplanten Frühschoppen wurde ein nachgeahmter irischer Pub ausgewählt, wo wir uns erstmal
mit Carling Lager begnügten und auf Sky Sport die neuesten Sportnachrichten konsumierte. Unglaublich dass sich die Englander immer noch an einem 5:1-Sieg aufgeilen können, der mehr als ein halbes Jahrzehnt zurück liegt. Und die SUN schafft es gar zu einer negativen Steigerung des Niveaus von Express oder BILD. Plötzlich standen dann Mecky und Scherupp vor mir, die ab Stansted mit einem Mietwagen weiterreisen wollten, wir mussten uns dann allerdings aufmachen und brachen zur Bahn auf, am Automaten holte man mit der Kreditkarte die bestellten Fahrkarten ab, der Automat spuckte sage und schreibe 18 verschiedene Tickets aus.
Die Verteilung erinnerte eher an das bekannte Quartettspiel unserer Kindheit als an eine Reiseorganisation.
Nun denn, mit dem Stansted Express ging es in einer Dreiviertelstunde nach London Liverpool Street,
wobei man sich beim überteuerten Getränkeservice bediente. Innerhalb Londons war ein Transfer mit der Tube notwendig, erfreulicherweise war dieser in der Zugbuchung bereits inbegriffen. In Paddington schnell im Mäces den ersten Hunger gesättigt,
machte man sich auf die Suche nach Verpflegung für die Fahrt nach Cardiff und wurde bei Marks & Spencer fündig. Schnell wurden nun die reservierten Plätze eingenommen und die feucht-fröhliche 2-stündige Fahrt über Reading, Swindon, Bristol und Newport
konnte beginnen. Pünktlich kamen wir in Caerdydd, so der walisische Name Cardiffs, an und nutzen nach Auto, Flugzeug und Zug auch mal einen Bus, der uns in der Nähe unseres Hostels rausließ. Dort gab es keine Rezeption und es war auch keiner vom Hostel anwesend. Die Tür öffneten uns zwei deutsche Abiturienten, mit denen Axel schnell ins Gespräch kam, ein Bier später tauchte dann der Hostelmitarbeiter auf. Die Taschen ins Zimmer und endlich ging es in die Altstadt um in den Pubs die Stimmung einzufangen.
Eine Stunde vor Anpfiff ging es zum zentrumsnahen Millennium Stadium. Das Stadion wurde für die Rugby-WM 1999 errichtet und dient dem walisischen Fußball als Länderspielspielort, während des Neubaus des Wembleystadium wurden hier zahlreiche englische Pokal- und Entscheidungsspiele abgehalten. Es ist mit knapp 75.000 das drittgrößte Stadion in Großbritanien nach dem neuen Wembley und dem Old Trafford. Die heutige Auslastung mit gut 30.000 Zuschauern ist eher enttäuschend.
Das liegt wohl einerseits an der zur Zeit in Frankreich stattfindenden WM in der in Wales beliebtesten Sportart Rugby als auch an der aussichtslosen Situation in der EM-Qualifikation mit einer namenlosen Mannschaft. Die sehr hohen Preise könnten dabei ihr übriges tuen. Vor, nach und während des Spiels traf man noch weitere VfBler wie beispielsweise Ruhrpottdavid oder LOFI.
Nun zum Spiel. Die VfB-Spielergruppe hatte sich im Laufe der Woche verringert, Löw verzichtete auf Khedira wegen dessen erst vor kurzem auskurierter Verletzung, Tasci sagte in der Woche wegen Probleme mit der Adduktoren ab und Gomez mußte kurzfristig wegen einem grippalen Infekts das Bett im Cardiffer Mannschaftshotel hüten. Übrig blieben so nur Hitzlsperger und Hilbert, die jedoch beide in der Anfangself standen. Während Hitz die "6" gab, spielte Hilbert auf der rechten Außenbahn, Schweinsteiger auf der "10" und Jansen auf der linken Außenbahn komplettierten das Mittelfeld. Im Sturm spielten Klose und Kuranyi, die Innenverteidigung bildeten Mertesacker und Metzelder und die Außenverteidigung übernahmen Pander und Friedrich, im Tor wie gewohnt Lehmann. Die Waliser mußten nehmen dem zurückgetretenen Kapitän Ryan Giggs auch auf dessen Nachfolger Craig Bellamy verzichten, der im Krankenhaus bei seiner Frau und seinem Neugeborenen weilte. Deutschland wurde der Favoritenrolle gerecht, bereits nach 6 Minuten erkämpfte sich Hitz im Mittelfeld den Ball und spitzelte ihn weiter zu Kuranyi, der den Ball Klose in den Lauf spielte, der den Ball im langen Eck des Tores unterbrachte. Danach passierte lange gar nichts, Deutschland klar feldüberlegen, aber nur noch mit wenigen Chancen. Zur Halbzeit kam Trochowski für Pander, wobei Jansen nach hinten links rückte und Trochowski dessen Position im Mittelfeld übernahm. Nach gut einer Stunde war das Spiel entschieden, Hilbert erkämpfte sich den Ball und zog bis zur Torauslinie und flankte auf Kloses Kopf, der sich nur noch die Ecke aussuchen musste. Das Spiel plätscherte so dahin, Podolski und Helmes kamen noch für den ersten Sturm und dann war das Spiel zu Ende. Ein Pflichtsieg nicht mehr oder weniger, bei guten Verlauf könnte man sich bereits gegen Irland als erstes Team sportlich für die EM 2008 qualifizieren.
Nach Spielende zog es uns wieder ins Kneipenviertel, auf dem Weg dahin konnte man noch 2 Polizisten begutachten, die einen stark Angetrunkenen davon abhielten über das Geländer zu steigen und sich in den River Taff zu stürzen, um auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Pub zu erreichen, die Versuche ihm die wenig entfernte Brücke zu empfehlen, lehnte er wohl ab und begnügte sich eher mit einer gemütlichen Zelle auf dem Polizeirevier. Wir wurden unweit des Stadions fündig und stießen dann jeweils nach deutscher und walisischer Zeit auf den Geburtstag von Jörg an, der am selben Tag geboren wurde wie der Stuttgarter FV 93 einige Jahre zuvor gegründet wurde, der heute unter VfB Stuttgart 1893 e.V. firmiert. Später brach man dann zum Mäces auf um noch ein Nachtdiner einzunehmen, das verlockende Angebot von zwei BigMäcs für den Preis von einem wurde dankend angenommen. Auch ein angeblicher Sportjournalist, der freitags im öffentlichen Rentnerfernsehen kochen lässt,
wurde gesichtet und natürlich freundlich begrüsst. Als Absacker gab es noch ein San Miguel, bevor man dem langen Tag Tribut zollen musste und sein Bett aufsuchte.
Der Lärm der Möwen ließ Ausschlafen nicht wirklich zu und nach einer Dusche,
die einem die Müdigkeit etwas nahm, waren wir zeitig aufbruchbereit. Das "included continental breakfast" bestand aus einer Packung Cornflakes und in der Küche fand man noch eine halbe Packung Toast, Geschirr und Besteck war nicht auffindbar und
so entschloss man schnell darauf zu verzichten. Beim Fußmarsch zur Bahn hatten die meisten Restaurants und Imbissbuden geschlossen, in der Nähe vom Bahnhof wurde man fündig und gönnte sich nochmal ein "full englisch breakfast".
Nachdem gestern alles reibungslos klappte, kam die Bahn nach London 15 Minuten zu spät und baute dies auf 20 Minuten bis Paddington aus. Mit der Tube ging es reibungslos weiter bis Liverpool Street. Hier war allerdings Chaos angesagt,
es waren Wartungsarbeiten angesetzt, weswegen bis 13 Uhr der Bahnbetrieb eingestellt sein sollte. Während die Schlangen vor dem Gleis nach Stansted immer länger wurde,
nahmen wir noch ein schnelles Mittagessen ein und beratschlagten Alternativen um zum Flughafen zu kommen. Als wir schon mit der Tube bis Tottenham Hale fahren wollten,
wurden die Gleise doch wieder freigegeben und so drängte sich die Meute in den überfüllten Zug, zwei von uns konnten immerhin noch einen Sitzplatz ergattern. Leider zog sich die Abfahrt hin,
der Zug wurde immer voller und die Nerven der Reisenden überstrapaziert. Als es nach über einen halben Stunde endlich los ging,d
achte man das Schlimmste hinter sich zu haben, aber zwischendurch hielt die Bahn immer wieder an und aus 45 Minuten Fahrt wurden 2 Stunden. Unser Flug ging um 15.55 Uhr, der Check-In-Schalter schließt in Stansted normal 40 Minuten vorher.
Um 15.15 Uhr fuhr die Bahn in den Stansteder Flughafenbahnhof ein. Nachdem man sich aus der Bahn befreit hatte, ging es im Spurt in den Flughafen, hier merkte ich, dass ich mal was für meine Kondition machen muss.
Total ausgepowert fanden wir den richtigen Schalter, der zum Glück noch geöffnet hatte. Ich hatte mir schon ausgemalt wie wir uns überteuerte Flugtickets für einen späteren Rückflug hätten zulegen müssen.
Nach der Sicherheitsschleuse noch einmal durch den ganzen Flughafen geschickt, konnten wir im Gate direkt ins Flugzeug. Der Rückflug verlief ruhig und nachdem wir einen überforderten Taxifahrer an der Schranke des Flughafenparkplatzes überlebt hatten, verlief auch die Fahrt zurück nach Jülich ohne größere Zwischenfälle.
Endlich wieder daheim, in 9 Tagen geht es dann wieder auf die Insel.
CJ
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